Eigentlich bin ich ja kein großer Fan von Stadtführungen, ich erkunde die Städte auf meinen Städtereisen immer gerne auf eigene Faust.

Als ich im November auf dem Reisebloggerbarcamp in Leipzig war, habe ich das Angebot jedoch wahrgenommen und habe an einer Stadtführung unter dem Motto : „30 Jahre friedliche Revolution in Leipzig“ teilgenommen.

 

Der Revolution auf der Spur

Ich gebe zu, ich war mehr als skeptisch. 20 Jahre alt, graswurzelbewegt und mit Kontakten in der DDR hatte ich die Ereignisse im Herbst 1989 mit viel Interesse und Emotionen verfolgt. Allein die Vorstellung, dass am Montag den 7. Oktober 1989 70.000 Menschen trotz einem angeblichen Schießbefehl auf die Straße gegangen sind, lässt mit noch heute das Blut in den Adern gefrieren.

Fast noch mehr begeistert hat mich damals der Gedanke, dass etwas völlig Neues entstehen könnte. 30 Jahre und ein politikwissenschaftliches Studium später weiß ich, dass dies eine Illusion war, dass es gekommen ist, wie es wohl kommen musste. Dennoch ziehe ich noch heute meinen Hut vor den Demonstranten aus dem Herbst 1989 auch, wenn manch einer heute vermutlich eine Politik vertritt, die ich nicht gut heißen kann. Meinen Hut ziehe ich aber auch vor all jenen Oppositionellen, die in den Jahren vorher die Ereignisse im Herbst 1989 erst möglich gemacht haben.

StreetArt zur friedlichen Revolution

StreetArt zur friedlichen Revolution

 

Stadtführung 30 Jahre friedliche Revolution in Leipzig: Meine Erwartungen

Lange Rede, kurzer Sinn: Was ich mir von einer Stadtführung 30 Jahre friedliche Revolution in Leipzig erwartet habe weiß ich nicht so genau. Skeptisch war ich wohl schon, denn anders lässt es sich nicht erklären, dass ich so positiv überrascht war.

Als wir uns auf der Dachterrasse des Hotel Innside für die Stadtführung versammeln, bin ich gleich mal enttäuscht. Ich hatte mit einem Zeitzeugen gerechnet, doch vor mir steht eine junge Frau, definitiv zu jung, um dabei gewesen zu sein. Ich habe den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da greift sie ihn schon auf. Auch sie ist eine Zeitzeugin, auch, wenn sie selbst nicht an den Demonstrationen teilgenommen hat. Denn sie ist in einer oppositionellen Familie aufgewachsen und hat all die Vorkehrungen erlebt, die Eltern damals getroffen haben, sollten sie von einer Demonstration nicht zurückkommen.

Ich bin positiv überrascht

Die Stadtführung 30 Jahre friedliche Revolution in Leipzig folgt im Wesentlichen der Route der Montagsdemonstrationen. Unterwegs erfahren wir viel über den Herbst 1989 aber eben auch über die Zeit davor.

Während der Stadtführung wird ein Bogen geschlagen vom 17. Juni 1953 über Folter und Todesstrafe in der DDR bis hin zu den Ereignissen im Herbst 1989. Dabei sind die DDR Flüchtlinge in der Deutschen Botschaft in Prag genauso Thema wie die verschiedenen Umweltgruppen oder die Kampagne Schwerter zu Pflugscharen, die unter Einsatz ihrer Freiheit schon lange vor dem Herbst 89 aktiv waren. Und immer wieder gelingt es unserer Stadtführerin mit den Worten: „Man muss sich das mal vorstellen …“die emotionale und menschliche Seite der Ereignisse hervorzuheben. Und man kommt fast nicht um die Frage herum, ob man selbst den Mut aufgebracht hätte.

Nikolai Kirche

Nikolai Kirche

Wir gehen weiter den Leipziger Ring entlang, lauschen Originalaufnahmen von Kurt Masur zur Deeskalation und ich spüre förmlich das Knistern. Währe es damals am 9. Oktober 1989 hier in Leipzig nicht friedlich geblieben, es wäre wohl geendet wie auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking die chinesische Regierung die Protestbewegung brutal zerschlagen hatte.

Plötzlich ist wieder Herbst 1989 und ich erinnere mich, wie ich mit angehaltenem Atem und Tränen in den Augen vor dem Fernseher sitze die Ereignisse in der DDR verfolge. Ich hänge noch meinen Gedanken nach, da sind wir schon da, an der Runden Ecke. Hier befand sich von 1950 – 1989 die Bezirksverwaltung der Staatssicherheit von Leipzig. Und hier zogen am 7. Oktober 1989 70.000 Menschen vorbei, die friedlich gegen das Regime demonstrierten.

 

Stadtführung 30 Jahre friedliche Revolution in Leipzig 2

Runde Ecke. Ehemalige Bezirksverwaltung der Staatssicherheit

Späte Einsicht

Liegt es am Alter oder an der Stadtführung, dass ich mich zum ersten Mal frage, welche Ängste eigentlich die Menschen hatten, die sich zu diesem Zeitpunkt in dem Gebäude befanden und die verhasste Stasi verkörperten. Herzlichen Dank an Region Leipzig für diese tolle Stadtführung und für alle, die wie ich eigentlich nicht auf Stadtführungen stehen, macht in Leipzig einfach mal eine Ausnahme.

Wo kann ich Touren buchen?

Du bist eher der digitale Typ, dann ist vielleicht ein individueller Rundgang mit dem Smartphone das richtige für dich. Die MDR Zeitreise befördert dich zurück in die DDR. Kurzfilme und Fotos zeigen, wie die Menschen damals in Leipzig gelebt haben, wie die Stadt aussah und wo demonstriert wurde.

Zu Originalschauplätzen führt die die Stadtführung „Auf den Spuren der Friedlichen Revolution“  vom Bürgerkomitee Leipzig e.V. Ein ähnliches Konzept wird auch bei der Stadtführung „Friedliche Revolution – Herbst 89 in Leipzig“ verfolgt. Auch hier stehen die Brennpunkte des Geschehens im Vordergrund.

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